Kulturschock in Brasilien und mein Gehirn

Es hat mich kalt erwischt.

Letztes Jahr habe ich in Brasilien einen Kulturschock erlebt – und ehrlich gesagt hatte ich damit nicht gerechnet.

Es war meine dritte Reise in dieses Land. Ich war dort schon viel unterwegs, bin früher durch verschiedene Regionen gereist und habe Backpacking-Touren gemacht. Ich spreche ausreichend Portugiesisch für den Alltag. Durch die brasilianische Kampfkunst Capoeira, die ich seit vielen Jahren praktiziere, habe ich zahlreiche persönliche Kontakte aufgebaut. Ich war überzeugt, die brasilianische Kultur bereits gut zu kennen, und als interkulturelle Beraterin dachte ich, auf alle Eventualitäten gut vorbereitet zu sein.

Ich reiste nach Rio de Janeiro zu einem Capoeira-Event und entschied mich, eine Woche lang im Stadtteil Centro zu bleiben. Obwohl mir brasilianische Freunde davon abgeraten hatten, wollte ich einen mir fremden Teil dieser riesigen Stadt erkunden. Ganz in der Nähe von Centro beginnt eine Favela, ein Armenviertel. Viele obdachlose Menschen leben dort auf den Straßen. Die Atmosphäre war angespannt, und ich musste ständig sehr aufmerksam darauf achten, wohin ich ging. Eine falsche Straße, und man kann schnell in ein Viertel geraten, in dem es gefährlich werden könnte. Nachts drang laute Musik aus den Bars bis in mein Hotelzimmer und raubte mir den Schlaf.

Schon nach wenigen Tagen wurde ich krank. Selbst nach meiner Rückkehr nach Deutschland fühlte ich mich wochenlang erschöpft, niedergeschlagen und seltsam antriebslos. Ich konnte mir nicht erklären, was mit mir geschah – bis ich an der Deep Culture Masterclass teilnahm.

Der Kurs, geleitet von Joseph Shaules von der Keio University in Japan, stellte den Deep Culture Approach vor, der Kultur im Spiegel der Funktionsweise unseres Geistes betrachtet. Ich lernte, dass unser Gehirn normalerweise im „Autopilot“ läuft, gesteuert von unbewussten Prozessen, die den Alltag erleichtern. In einer fremden Umgebung wird dieser Autopilot jedoch ständig unterbrochen. Unser kognitiver Geist muss auf Hochtouren arbeiten, um unbekannte Signale, Verhaltensweisen und Risiken zu interpretieren.

In Centro wurden meine vertrauten mentalen Muster mit einer völlig anderen kulturellen Realität konfrontiert. Diese dauerhafte Diskrepanz überforderte mein System und äußerte sich in Erschöpfung, Krankheit und gedrückter Stimmung.

Fremde Erfahrungen sind überaus mächtig, und Kulturschock ist kein Zeichen von Schwäche, sondern eine normale menschliche Reaktion. Das zu verstehen erwies sich als ein enormes Geschenk für meine zukünftige Arbeit, andere bei interkulturellen Herausforderungen zu begleiten. Mein Kulturschock wurde zu einer wertvollen Erfahrung.

Und die wichtigste Erkenntnis für mich ist einfach: Ich weiß jetzt, dass ich nichts weiß – und diese Einsicht hat meine Neugier befeuert, Kultur und Geist immer weiter in der Tiefe zu erkunden.

Joseph Schaules ist Direktor des Japan Intercultural Institute (JII), einer gemeinnützigen Organisation, die Bildung, Forschung und berufliche Entwicklung für interkulturelle Fachkräfte unterstützt. Die Deep Culture Masterclass, die in der Regel online stattfindet, ist sehr zu empfehlen. II produziert außerdem einen hervorragenden Podcast zum Thema Deep Culture

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