Bericht aus Sendai – 4

Frau K, 50 Jahre alt, arbeitet bei einer Versicherungsfirma in Sendai, wo sie am 11.3.2011 das Beben mit der Stärke 9.0 erlebte. Frau K ist eine Gewerkschaftlerin, die sich für Rechtschutz für Frauen an Arbeitsplatz, besonders für die Rechte von Teilzeitarbeitnehmerinnen einsetzt. Kurz nach dem Beben vermittelte Frau K ihre Eindrücke aus Sendai der Gewerkschaft „Action Center for Working Women“ die ihre Beiträge im Web veröffentlichte. Ein Teil dieser Beiträge erreichte mich durch einen E-Mail-Server für die japanische Gemeinde in München. Mit der Erlaubnis von Frau K aus Sendai veröffentliche ich hier ihre ins Deutsche übersetzten Tagesberichte aus Sendai.


Sendai, den 22. März 2011

Am Nachmittag erschien eine Teilzeit-Kollegin, die seit dem Beben nicht anwesend war. Als das Beben zuschlug, versteckte sie sich unter den Tisch gleich neben mir. Nach dem Beben informierte uns ihre Vermittlungsfirma lediglich, dass die Zeitarbeiterin nun für unbestimmte Zeit nicht zur Arbeit erscheinen kann. Nach 10 Tagen ihrer Abwesenheit war ich sehr besorgt über die Kollegin, die immer Absatzschuhe trug und sich hübsch kleidete. Sie hatte heute Turnschuhe an, voller Schmutz und zerrissen zum Teil. Nachdem sie über den Tsunami erfuhr, rennte sie direkt zunächst zu ihrem Elternhaus, das bis zum ersten Stock vom Wasser bedeckt wurde, und danach zum Haus eines Verwandten, das der Tsunami wohl mitriss. Ihre Suche nach dem Haus zermürbte zwei Paare Schuhen. Unzählbare Leichen waren unter Trümmern und im Wasser zu sehen. „Dort herrschte eine andere Welt. Mein Herz brach fast zusammen,“ flüsterte sie. Selbst in der am härtesten betroffenen Provinz Miyagi liegen Welten zwischen denjenigen, die das Küsten-Gebiet betreten haben, und denjenigen, die das nicht gesehen haben, dachte ich.

Als ich ein Tax nahm, um mein Gepäck zu transportieren, fragte mich der Fahrer: „Haben Sie schon genug Wasser?“ „Ja, endlich,“ antwortete ich, und fragte nach, ob er auch an Wasser kommt. „Ja, Wasser habe ich reichlich“ sagte er. Ich dachte, er wohnt nah an den Bergen, wo einige Dörfer ohne Strom, Wasser und Gas auf Quellenwasser angewiesen sind. Dann setzte er fort als ob er eine Kleinigkeit erwähnen würde: „ Dunkles Wasser kam und nahm mein Haus, meine Mutter und alles andere mit sich.“ Es lief mir kalt den Rücken herunter. Seine komplette Gemeinde war ins Meer gespült worden. Alle suchten nach den Häusern, aber nichts blieb übrig, sagte er. Der Fahrer gab die Suche auf, zog sich in der Notunterkunft seiner Firma zurück, und fing mit seiner Arbeit wieder an. Die Realität hier heißt: Ein zerstörtes Haus wieder aufbauen zu können ist ein Glücksfall. Wenn nicht einmal eine einzige Stütze steht, ist von einem Wiederaufbau überhaupt nicht mehr zu träumen.

Unser Versicherungsmakler in Fukushima erzählte, er wurde um sechs Uhr morgens mit dem Ruf „Evakuation!“ aufgeweckt. Als er schläfrig über seinem Schlafanzug eine Jacke anzog und aus dem Haus trat, wurde er direkt danach außerhalb der Provinz gebracht. Er teilte unserer Firma mit, er wisse nicht, wann er überhaupt wieder nach Hause zurückkehren kann.

Die Stadt Sendai fängt an zu rollen.
Aber was in der Zukunft auf uns wartet – darüber weiß noch keiner.

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Bericht aus Sendai – 3

Frau K, 50 Jahre alt, arbeitet bei einer Versicherungsfirma in Sendai, wo sie am 11.3.2011 das Beben mit der Stärke 9.0 erlebte. Frau K ist eine Gewerkschaftlerin, die sich für Rechtschutz für Frauen an Arbeitsplatz, besonders für die Rechte von Teilzeitarbeitnehmerinnen einsetzt. Kurz nach dem Beben vermittelte Frau K ihre Eindrücke aus Sendai der Gewerkschaft „Action Center for Working Women“ die ihre Beiträge im Web veröffentlichte. Ein Teil dieser Beiträge erreichte mich durch einen E-Mail-Server für die japanische Gemeinde in München. Mit der Erlaubnis von Frau K aus Sendai veröffentliche ich hier ihre ins Deutsche übersetzten Tagesberichte aus Sendai. 


Sendai, den 22. März 2011

Nach dem verlängerten Wochenende mit einem Feiertag kehrten viele Leute zum ersten Mal nach dem Tsunami zur Arbeit zurück. Meine U-Bahn-Haltstelle war so voll, dass der Einlass begrenzt wurde. Es dauerte mir lange bis ich endlich auf einen Zug kam. Der Bahnhof Dainohara ist die nördlichste Haltstelle der U-Bahn Nanboku-Line (die Norden und Süden der Stadt Sendai verbindet), die im Betrieb ist. Die nördlichen vier Haltstellen sind noch geschlossen. Ketten von Ersatz-Bussen brachten viele Menschen in die Haltstelle Dainohara, während andere wie ich einen Rucksack tragend zu Fuß die Haltstelle erreichten. Diese Menschenmenge war letzte Woche nicht zu sehen. Alle nehmen wieder ihren Betrieb auf. In der überfüllten U-Bahn roch es nach ungewaschenen Haaren.

Die Bundesstraße Nr.45, die sich von der Stadt bis zum Meer erstreckt, wurde stark zerstört. Auf dieser Bundesstraße fahren Lastwagen der japanischen Armee, die mit Notversorgung beladen sind, sowie Spezialfahrzeuge für Abfallbeseitigung und Aluminium-bedeckte Lastwagen. Alle Wagen tragen ein Kennzeichen aus anderen Provinzen. „Ich hoffe auf Sie“ – so betete ich innerlich als die Wagen in die Richtung Meer vorbeifuhren. Ungemein freute mich auch, als ich zwei Tage nach dem Beben einen Reparatur-Wagen für Elektroleitungen sah, der ein Kennzeichen der Provinz Niigata trug. Ähnlich ermutigt hat mich ein Wasserwagen aus Sapporo (auf der nördlichen Insel Hokkaido). Es ist eine Entdeckung, dass alleine Kennzeichen von anderen Provinzen uns Mut geben können.

Als ich in meiner Firma ankam, begegnete ich einem Kollegen, der nach dem Tsunami auf die Suche nach seinem Vater aufbrach. Zu meiner zögernden Begrüßung sagt er: „Mein Vater hat es überlebt.“ Es ist kaum zu glauben, aber sein Vater befand sich noch in dem ersten Stock seines Hauses, das vom Tsunami ausgerissen und weggeschwemmt wurde. Vermutlich gibt es noch viele andere Menschen, die in einem Spalt ihrer zerstörten Häuser weiterleben. Das Fernsehen berichtet fiberhaft über die Rettung einer Oma und deren Enkelkind. In der Wirklichkeit sollten es noch viele Überlebende in den weggespülten Häusern und Autos geben. Auf dem Küstengebiet gibt es keine Leitung von Telefon oder Elektrizität. Ich wünschte mir, dass die Überlebenden möglichst schnell unter ein warmes Schutzdach gelangen und ihre Beine endlich ausstrecken könnten.

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Bericht aus Sendai – 2

Frau K, 50 Jahre alt, arbeitet bei einer Versicherungsfirma in Sendai, wo sie am 11.3.2011 das Beben mit der Stärke 9.0 erlebte. Frau K ist eine Gewerkschaftlerin, die sich für Rechtschutz für Frauen an Arbeitsplatz, besonders für die Rechte von Teilzeitarbeitnehmerinnen einsetzt. Kurz nach dem Beben vermittelte Frau K ihre Eindrücke aus Sendai der Gewerkschaft „Action Center for Working Women“ die ihre Beiträge im Web veröffentlichte. Ein Teil dieser Beiträge erreichte mich durch einen E-Mail-Server für die japanische Gemeinde in München. Mit der Erlaubnis von Frau K aus Sendai veröffentliche ich hier ihre ins Deutsche übersetzten Tagesberichte aus Sendai.   


Sendai, den 19. März 2011

Es schneite gestern und vorgestern. Heute scheint jedoch die Sonne, was uns etwas ermutigt. Da der Mangel an Wasser akut ist, füllte ich die Badewanne mit Schnee, auch wenn der Schnee radioaktiv sein soll, damit ich zumindest die Toilette spülen kann. Ohne Heizöl ist es kalt. Ich ziehe mich dick an, um mich vor der Kälte zu schützen. Die Kälte ist nichts im Vergleich zur Zerstörung, die Menschen nah an der Küste erleben müssen. Uneingeschränkt bewundere ich die Geduld und Ausdauer von Tōhoku-Leuten. Liegt es an Ihrer genetischen Veranlagung als seit Menschengedenken untergedrückte Bevölkerung? Sie leiden alle in der Stille. Sie sollten mehr klagen.

Zum ersten Mal erschien ein Kollege zur Arbeit nachdem sein Haus vom Tsunami weggespült wurde. Das Schreckensbild mit unzähligen Leichen sei die letzte Hölle, der er in seinem Leben jemals wieder begegnen möchte – so weinte er. Ich konnte kein angemessenes Wort dazu finden.
Wer es kann, fängt an, vor der Atom-Katastrophe zu fliehen, während die Mehrheit, die weder Geld, Flucht-Mittel noch Ziel hat, hier stecken bleibt. Ich frage mich auch, was jetzt aus uns wird, während ich bei einer Freundin meine Unterwäsche und Socken wasche, die zur Neige gingen. Hier gibt es seit kurzem Wasser aus der Leitung.

Ich rechne damit, dass die Notversorgung uns irgendwann erreichen wird, solange wir vorübergehend aushalten. Der schwerste Schlag für uns ist jedoch die fehlende Gas-Versorgung. Mindestens drei Monate müssten wir ohne Bad und Kochen auskommen. (In Japan wird üblicherweise mit Gas gekocht) Sowie viele Betroffenen in diesem Gebiet wünsche ich mir einen elektrischen Kochtopf oder Wasserkocher. Auch wenn ich mir über den Widerspruch bewusst bin, dass ich gegen Atom-Strom bin. Bisher nutzte ich einen Gas-Flaschen-Kocher zum Zelten. Das Fläschen ist aber schon leer. Keiner hat damit gerechnet, dass diese Notsituation in diesem Ausmaß fortsetzt. Alle sagen, dass ihre Gasflaschen schon ausgeschöpft sind.

Die Notsituation schlägt sich auch auf unseren Geldbeutel nieder. Alle Preise sind rasant nach oben gestiegen. Aus jedem Haushalt fliegt das Geld weg.

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Bericht aus Sendai – 1

Frau K, 50 Jahre alt, arbeitet bei einer Versicherungsfirma in Sendai, wo sie am 11.3.2011 das Beben mit der Stärke 9.0 erlebte. Frau K ist eine Gewerkschaftlerin, die sich für Rechtschutz für Frauen an Arbeitsplatz, besonders für die Rechte von Teilzeitarbeitnehmerinnen einsetzt. Kurz nach dem Beben vermittelte Frau K ihre Eindrücke aus Sendai der Gewerkschaft „Action Center for Working Women“ die ihre Beiträge im Web veröffentlichte. Ein Teil dieser Beiträge erreichte mich durch einen E-Mail-Server für die japanische Gemeinde in München. Mit der Erlaubnis von Frau K aus Sendai veröffentliche ich hier ihre ins Deutsche übersetzten Tagesberichte aus Sendai.    


Sendai, den 19. März 2011

Mein Medikament zur Unterdrückung des Blutdrucks ist ausgeschöpft. Daher gehe ich endlich zum Arzt, der meinen Blutdruck misst: 220! Ich spürte nichts während der Arbeit. Aber das Krankenhaus erhält noch keine frische Lieferung, also bekomme ich die Hälfte der üblichen Menge, die nur zur Überbrückung ausreicht. Jedem Patienten ging es so, und jeder sieht besorgt aus. Sowohl Kliniken als auch Krankenhäusern sind ebenso beschädigt wie alle andere Gebäude, was genaue Untersuchungen unmöglich macht. Wir erhalten nur eine kleine Menge der üblichen Medikamenten.

Es gibt so viele Nachbeben – alle drei Minuten etwa – dass ich nicht mehr Erdbeben vom Schwindeln unterscheiden kann. Mein Körper fühlt sich ständig geschaukelt an. Die Beben setzen immer fort. Immer mehr Gebäude stürzen auf den Boden. Vor zwei Tagen fiel die Fassade eines Kaufhauses neben einem Bahnhof. Die Fußgängerzone nebenan wurde danach abgesperrt. Der Sendai-Hauptbahnhof, den ich sehr liebte, ist ebenso abgesperrt. Der Shinkansen-Bahnstieg dort verwandelte sich in eine Ruine.

Eiweißreiche Lebensmittel wie Fleisch und Fisch finden wir nirgendwo. Auch kein Gemüse. Um überhaupt etwas zu kaufen, muss man sich vier bis fünf Stunden anstellen. Die Berufstätigen wie ich haben keine Chance. Am Abend haben alle Läden schon geschlossen, gerade wenn wir mit der Arbeit fertig werden. Meine kostbare Beilage zum Reis ist fertige Streu-Gewürze (Furikake). Alle Evakuierung-Zentren sind überfüllt. Da es keinen Platz mehr gibt, bleiben wir trotz großer Gefahr zu Hause. Meine Eltern versuchten, mir Lebensmittel zuzuschicken, aber die Post weigerte sich. Das Tsunami-Gebiet sei unzustellbar.

Entlang der Küste wurde alles gleichermaßen vernichtet. Laut Nachrichten würde es für die Wiederherstellung der Abwasserkanäle mindesten ein Jahr dauern. Das Erdbeben und Tsunami zerstörten ebenso Gas-Speicher und –Anlagen. Bedeutet das, dass ich bis Ende des Jahres nicht zu Hause baden kann?

Alle sind hungrig und extrem erschöpft. Aber wenn eine Fernseh-Kamera auf sie gerichtet wird, sagen sie lächelnd – während sie innerlich weinen -: „Machen Sie sich keine Sorge. Uns geht es gut.“ Das ist typisch hier in Tōhoku (die Region im Norden der Hauptinsel Honshū). Menschen in Fukushima sind viel zu sympathisch. Innerlich würden sie gerne Tokio auffordern, schnellstmöglich die Atom-Katastrophe zu beseitigen und die Konsequenzen selber zu tragen, da Tokio vor allem den Storm vom AKW zapfte. Stattdessen werden sie in eine Sportarena in Saitama (nördlich von Tokio) evakuiert, und sie sind zu Tränen gerührt, von ehrenamtlichen Bürgern dort versorgt zu werden.

Sie sollten ihren Ärger mehr ausdrücken.

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Liebe deutsche Freunde,

Während sich die „Fukushima 50“ zu einem universallen Heldentum etabliert, gilt seit kurzem ein Deutscher Journalist als großer Held für Japaner, die in Deutschland wohnen.

Der Held heißt Herr Roland Tichy, Chefredakteur des Magazins Wirtschaftswoche.
Seit einigen Tagen zirkuliert sein Kommentar „Liebe japanische Freunde“ in verschiedensten Foren japanischer Gemeinden in Deutschland. Herr Ticky kritisiert, dass die deutsche Bevölkerung, Politiker und Medien schnell über die Katastrophe im Tsunami-Gebiet Japans vergaßen. Angesichts der tiefen Trauer von Millionen Japanern sei es „herzlos“ von Deutschen, auf die AKW-Krise in Fukushima mit „hektische(m) Geschrei und Getue“ zu reagieren. „Uns fehlt das Mitgefühl, die Fähigkeit zu Mit-Leiden und zur Rücksichtnahme auf die Gefühle der von der Katastrophe Betroffenen,“ schreibt der Journalist.

Eine Blogseite, wohin die japanische Übersetzung dieses Artikels veröffentlicht wurde, scheint umso mehr japanische Leser anzuziehen. Viele der Kommentare, hinterlassen auf Japanisch, zeigen deutlich, wie frustriert und traurig Japaner hier darüber waren, wie über die Katastrophe in Japan hierzulande berichtet wurde.

Eine Japanerin schreibt: „Es freut mich ungemein zu wissen, dass es einen deutschen Journalisten gibt, der so etwas schreibt.“ Eine andere Leserin jubelt: „Es freut mich, dass ich diesem Artikel begegnet bin, denn dieser Artikel hat mich buchstäblich gerettet. “

Ein anderer Kommentar: „Was mir am meisten Angst bereitet hatte, war nicht das Erdbeben oder das Kernkraftwerk, sondern die deutsche Medienberichterstattung. Deutsche Medien stifteten große Angst in mir. Die Angst, die durch Presse-Konferenzen von (japanischem Regierungssprecher) Herrn Edano abgebaut wurde, war immer schnell wieder von deutschen Medien aufgebaut.“

„Ebenso habe ich depressive Tage hinter mir, nachdem ich immer Doppelt-Belastungen ausgesetzt war – den deutschen Medien und äußerst negativen Kommentaren von Leuten. Das deutsche Fernsehen hat meinem psychologischen Zustand mit solchem Ausmaß geschadet, dass ich mich ein paar Tagen nach dem Tsunami beschloss, nicht mehr einzuschalten. „

Ich kann selber alle diese Kommentare nur unterstreichen. Für mich stellt dieser Artikel auch ein Zeichen für Ausgeborgenheit und Empathie dar.

Liebe deutsche Freunde, viele von uns wissen auch, wie Herr Tichy schreibt, dass „andere Menschen“ in Deutschland gibt.

BlümchenDieses Blümchen hat eine deutsche Bekannte gestern in meine Hand gedrückt. In unserer gemeinsamen Hausaufgabebetreuung für Kinder hat mich die ältere Dame letzte Woche beobachtet, wie ich völlig besorgt und niedergeschlagen über die Lage Japans war. „Es ist unser kleines Andenken“ sagte mir die Dame und umarmte mich sanft. „Frau Nishiyama, wir hoffen, dass es Ihrem Land und Ihren Landsleuten bald besser geht.“

Wir Japaner denken auch an Sie und an Ihr Mitgefühl.

Wir danken Ihnen, liebe deutsche Freunde.

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Lasst uns bitte in Ruhe trauern!

Um 11 Uhr am 26.3. in der Münchner Theatinerkirche findet ein Benefiz-Konzert statt.  Der Philharmonischer Chor München sowie freiwillige Mitglieder des Münchner Philharmonikers musizieren das Requiem von Wolfgang Amadeus Mozart – für Kinder von Tsunami-Opfern.

Die Uhrzeit, die ursprünglich um 14:00 festgelegt wurde, mussten die Veranstalter jedoch ändern. Der Grund: Zur gleichen Uhrzeit planen nun deutsche Atom-Gegner eine Demonstration am direkt benachbarten Odeonsplatz. Es ist zu befürchten, dass die Ruhe vom Protest gestört wird.

Es ist mir klar, dass das bloß ein Zufall war. Trotzdem fasst dieses Ereignis symbolisch die fast gegensätzlichen Reaktionen von Japanern und Deutschen auf die Katastrophe in Japan zusammen.

Was können wir für die Opfer tun? – Diese Frage stellen sich viele Japaner im Ausland, die machtlos die Zerstörungen und das Leiden von so vielen Landsleuten aus der Entfernung beobachten. Nach dem ersten großen Schock fangen in Deutschland ansässige Japaner an, um Spenden zu bitten und solche Benefiz-Konzerte zu organisieren. „Lasst uns damit anfangen, mit dem, was wir von hier für die Betroffenen machen können“ – So tauschen sich Japaner gegenseitige Ermutigungen in einem lokalen E-Mail-Server für die japanische Gemeinschaft aus.

Dagegen scheinen viele Deutsche (ich betone- nicht alle) nur mit sich selbst beschäftigt zu sein – mit ihrer Angst vor Radioaktivität und mit ihrer eigenen politischen Agenda gegen Atomkraftwerke in Deutschland. Eine Japanerin, die in Berlin am Wochenende wegen einer freiwilligen Spendensammel-Aktion auf die Straße ging, berichtete, dass sie und 40 andere Mitwirkenden von vielen Passanten warme Mitgefühle erhielten, aber dass manche doch auf sie zu kamen, nur um ihnen Vorwürfe zu machten, wie schlecht die Kernkraftenergie sei.

Leute, wenn Ihr schreien möchtet, schreit. Aber bitte lasst uns zumindest in Ruhe.
Wir schreien nicht und beschimpfen niemand – nicht jetzt, wenn die 350,000 Überlebenden im Norden Japans in überfüllten Notunterkünften nicht schrien – auch wenn Ihnen die nötigste Versorgung fehlt. Dort gibt es wichtigeres zu tun als jammern und protestieren: Ruhe bewahren und gemeinsam nach vorne schauen.

Über 9,000 Menschen sind verstorben, 12,000 vermisst und die Zerstörungen aller Infrastruktur dort machen auch den Überlebenden langsam zu schaffen. Sie beklagen sich aber nicht. Die Bewahrung der inneren Stärke von Menschen in der nördlichen Region, viele von ihnen ältere Reisbauer die ständig mit harten Naturbedingungen zu kämpfen hatten, ist auch für die meisten Japaner überhaupt nicht selbstverständlich. Sie verkörpern Wertvorstellungen des alten Japans, Geduld und Dulden, die in großen Städten und vor allem in jüngeren Generationen längst verloren gegangen wären.

Ein Kolumnist einer japanischen Zeitung schrieb: „Ich fühle mich gezwungen den Betroffenen zuzumuten, nicht mehr still zu leiden und zu trauern. Sie sollten sich über die mangelnde Notversorgung beklagen anstatt sich dafür tief verbeugend zu bedanken, wenn ihnen ein kleines Reisbällchen nach langem Warten endlich bereitgestellt wird.“

Aus japanischer Sicht eignet sich die jetzige Situation nicht, in Panik zu geraten, zu jammern und zu fordern. Frustrierend – wenn nicht gar traurig – ist es für uns Japaner, dass ausgerechnet Deutsche, die von der Radioaktivität absolut nichts persönlich abbekommen, lauter schreien als Japaner. Die Panik am vergangenen Donnerstag am Münchner Flughafen mit einer Fehlmessung der Radioaktivität an einem ANA-Flugzeug aus Japan ist ein Symptom dafür.

Lasst uns nicht den akuten Notzustand im Tsunami-Gebiet vergessen, auch wenn sich die Medien hier gerne damit beschäftigen, die Atom-Angst zu verbreiten.

Dort leiden Menschen tatsächlich. Hier nicht.

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Das Japaner-sein in Zeiten der Katastrophe

Seitdem das Erdbeben den Norden Japans mit unvorstellbarer Wucht geschlagen hat, erlebe ich eine äußerst emotionell instabile Zeit.

Rund um die Uhr saß ich am Rechner und folgte grausame Nachrichten aus Japan – den ganzen Tag. Auch in der Nacht wollte ich weiter daran bleiben, vor der großen Angst, dass die Situation sich während meines Schlafens drastisch verschlimmern könnte. Nichts wollte ich verpassen. „Mein Land bricht jetzt zusammen. Ich muss mit dabei sein.“

Mit Recht wurde Mein Mann sehr besorgt über diesen Zustand, der sich immer stärker durch Depression und Trauer bezeichnen ließ. Japanische Medienberichterstattung aus dem Tsunami-Gebiet sowie über die verzweifelte Lage des AKWs in Fukushima brachte mich mehrmals am Tag zum heulen. Vor Machtlosigkeit, von hier aus keinem helfen zu können, wurde ich verzweifelt. Ich verlor Appetit und konnte kaum schlafen. Über irgendetwas zu Lachen oder gar Lächeln hatte ich während dieser ersten Woche vergessen. Mein Mann gestand heute, dass er mich vor allem als einen Einzelfall betrachtet hatte, dass seine Frau besonders sensitiv, gar hysterisch, auf die Situation reagiert hätte. Seine Einschätzung war aber falsch.

Je mehr ich mit anderen japanischen Freunden hier darüber sprach, desto mehr wurde es mir klar: Sehr vielen im Ausland ansässigen Japanern ging es ähnlich, auch wenn ihre Familie oder Bekannte nicht direkt vom Tsunami oder von Radioaktivität in Fukushima betroffen sind.
Nachdem ich schon ein Drittel meines Lebens außerhalb Japans verbrachte, war ich mir noch nie bewusst dass „mein Land“ mir so viel bedeutet hat. Klar, ich war und bin immer gerne Japanerin. Aber dass diese Katastrophe mich in diesem Ausmaß ins dunkle Meer der Verzweiflung mitnahm, war selbst für mich eine Überraschung. Während ich ständig dem Leiden „meiner Landsleute“ zuschaute, realisierte ich immer deutlicher: „Mein Land“ steht jetzt auf der Kippe.

„Auch wenn eine ähnliche Katastrophe in Deutschland passieren würde und wenn Expat-Deutschen sie aus der Entfernung verfolgen würden, würde es ihnen zwar sehr nah gehen, aber wahrscheinlich nicht so extrem wie bei Euch,“ vermutet mein Mann. „Es liegt bestimmt an Eurer starken Identifikation als Inselvolk, das Japaner-sein.“

Seine Analyse machte mich sehr nachdenklich.

Zunächst konnte ich nicht glauben, dass unsere Reaktion von „japanischer Natur“ war. Vielleicht ist es eine verbreitete Erscheinung für viele Expats, sich besonders machtlos zu fühlen und sich mehr Sorgen über das Land zu machen, wenn man im Ausland lebt. Meine Schwester in Osaka, im Westen Japans, reagierte z.B. etwas geschäftsmäßig, als ich mein miserables Gefühl über die Betroffenen im Krisen-Gebiet mit ihr telefonisch teilen wollte. „Entschuldige, meine Kinder müssen jetzt zum Klavierunterricht gehen.“ Sie hatte offenbar andere Prioritäten.

Anderseits stimmt es wohl, dass wir Japaner uns gerne vom Rest der Welt unterscheiden. In dieser Insel-Nation identifizieren wir uns ausgeprägt als Teil einer Gruppe. Wir lernen von klein an die Tugend, es sei wichtig, unserer Gruppe, Gemeinde, Schule Firma oder unserer Gesellschaft ständig einen Beitrag zu leisten (kōken-suru) und mehr im Interessen der zugehörigen Gruppe als im Eigeninteresse zu agieren. Diese äußerst Gruppen-orientierte gesellschaftliche Norm verhalf zweifellos Japan, aus den Trümmern am Ende des Zweiten Weltkriegs sich in eins der reichsten Länder der Welt zu verwandeln.

In meiner Generation, die dank der harten Arbeit unserer Elterngeneration den Wohlstand des Landes nur genießen darf, erlebten wir niemals so eine verzweifelnde Situation wie heute. Vielleicht weckte diese Krise uns Japaner auf, alles was wir in den letzten fünf Jahrzehenten überwiegend für „normal“ hielten, in Frage zu stellen.

Ständig wachsende Wirtschaft. Ewiger Wohlstand des Landes. Absolut sichere AKWs. Immer zu verbrauchender, unendlicher Strom. Extravagante kulinarische Genuss-Kultur. – All das wird jetzt weggespült. Aus Verzweiflung klammern wir uns nun an das letzte Element: Das abstrakte Japaner-sein, was lediglich auf unserer Erinnerung vom „alten“ Japan bis 11.3.2011 basiert ist.

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Antwort der SZ

Innerhalb von einer Stunde habe ich eine Antwort aus der Redaktion der Süddeutschen Zeitung erhalten. Nach dem der Redakteur mir die Erlaubnis gab, veröffetliche ich den Brief.


Sehr geehrte Frau Nishiyama,

vielen Dank für Ihren Brief, den wir hier alle sehr aufmerksam gelesen haben. Allerdings möchte ich Ihrer Kritik ein wenig widersprechen: Auch die Süddeutsche Zeitung hat viele Artikel über die unmittelbare Katastrophe und den Tsunami gedruckt. Wir haben mit viel Aufwand und unter hohem persönlichen Risiko in den vergangenen Tagen endlich einen Reporter in das Krisengebiet, nach Kesennuma, entsenden können. Seine Reportage lesen Sie morgen auf Seite Drei. Die Spendenkonten sind auf unserer Webseite zu finden, dorthin verweisen wir auch stets.

Sie haben natürlich Recht, wenn Sie eine Ungleichgewichtung zugunsten der nuklearen Katastrophe feststellen. Ich bitte aber auch um Verständnis, dass unserer Leser mehrheitlich alle Informationen über die sich hier entfaltende Tragödie erhalten möchten. Natürlich kann man über die richtige Mischung streiten, und auch hier haben Sie Recht: Die deutsche Angst nimmt sich schon grotesk aus, bedenkt man, dass niemand hierzulande unmittelbar gefährdet ist und in der Tat in den Tsunami-Gebieten unsagbares Leid herrscht. Verunsichern möchten wir aber niemanden, und unsere Wissenschaftsredaktion bemüht sich sehr um eine ruhige und sachliche Darstellung. Möglicherweise verwischen sich hier Ihre Eindrücke aus der gesamten Berichterstattung in Deutschland, auch im Fernsehen, mit Ihrem Urteil über die SZ. Für Panik sorgen wir aber hoffentlich nicht.

Sie schreiben, die Not in den Krisengebieten wird fortbestehen, auch wenn sich die Lage in den Atomanlagen entspannen sollte. Vielleicht ist es aber auch gerade umgekehrt: Vielleicht steht die eigentlichen Katastrophe erst noch bevor, die in ihrer Dimension alles weit übersteigt. Hoffen wollen wir es wirklich nicht, aber wir müssen über beide Entwicklungen berichten.

Ihnen gleichwohl herzlichen Dank für die Mahnung. Wie bereits gesagt: Wir haben das hier sehr aufmerksam aufgenommen, und Sie dürfen sicher sein, dass die Debatte über das richtige Verhältnis auch unsere Konferenzen bestimmt.

Mit freundlichen Grüßen

Stefan Kornelius

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An die Redaktion der Süddeutschen Zeitung

Frustriert über die Berichte in allen deutschen Medien (auch in der Süddeutschen Zeitung)  über die Japan-Katastrophe habe ich einen Leserbrief geschrieben und an die Redaktion der SZ geschickt. Hier lest Ihr meinen Leserbrief, sowie eine Antwort der Zeitungsredaktion.


München, den 18.3.2011

An die Redaktion der Süddeutschen Zeitung

Als in München ansässige Japanerin bin ich von der Berichterstattung Ihrer Zeitung in den letzten Tagen über die Tsunami-Katastrophe in Japan zutiefst enttäuscht.

Ich verstehe, dass das Thema Atomenergie hierzulande ein hoch politisiertes, emotionales und sehr aktuelles Thema ist. Wenn ich aber sehe, dass sich Ihre fast fünfseitigen Berichte z.B. vom 18.3. beinahe ausschließlich auf die aktuelle Situation des betroffenen Atomkraftwerks in Fukushima und die innenpolitischen Folgen davon in Deutschland konzentrieren, muss ich Ihre journalistische Kompetenz, was Ausgewogenheit und Differenziertheit in der Darstellung angeht, stark in Frage stellen.

Im Krisengebiet kamen bisher 6900 Menschen ums Leben. Über 20.000 Menschen werden vermisst, und 410.000 Menschen wurden innerhalb den letzten sieben Tagen obdachlos (laut Mainichi Newspaper 18.3.). Noch immer warten an mehreren Dutzend isolierten Plätzen zahllose Überlebende auf eine Rettung ohne Möglichkeit eigenständiger Flucht und ohne allernötigste Versorgung. Die Gefahr einer aufkommenden Hungernot ist deshalb sehr groß.

Bitte vergewissern Sie sich: Dieser akute Notzustand im Krisengebiet wird fortbestehen, auch wenn sich die Lage im Atomkraftwerk entspannen sollte. Das Ausmaß der Zerstörungen im Norden Japans lässt sich erst jetzt langsam abschätzen. Die Menschen dort brauchen Hilfe. Das Fehlen in Ihrer Zeitung sowohl an einer angemessenen Berichterstattung über diese Opfer und ihre akuten Probleme als auch, dass an keiner Stelle ein Spendenkonto genannt wird, ist mir deshalb schwer begreiflich.

Verunsichert ist die Bevölkerung in Deutschland durch die deutsche Medien-Berichterstattung, die im Vergleich zu der in anderen europäischen Ländern äußerst einseitig das Atom-Thema hoch heizt. Die gestrige Panik am Münchner Flughafen mit einer Fehlmessung der Radioaktivität an einem ANA-Flugzeug aus Japan ist ein Symptom dafür.

Viele Japaner, die hier in Deutschland leben und aus der Entfernung das Leiden unserer Landsleute mit anschauen müssen, fühlen sich frustriert – wenn nicht gar angewidert – über die aufgeregte Art des deutschen Umgangs mit dem Atom-Thema, während Dutzende Millionen von Japanern im Krisengebiet und im Großraum Tokio, die sich direkt in einer verzweifelten Lage befinden, trotz immer wiederkehrender Nachbeben versuchen, solidarisch Ruhe zu bewahren.

Denn, wir wissen, dass Panikmache in der jetzigen Situation keinen Millimeter weiterhilft.

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“Haben Sie verstanden?”

Sehr geehrte Frau Wittelbacher (Name geändert),

ich schreibe Ihnen diesen persönlichen Brief, da wir uns heute offensichtlich nicht gegenseitig verstanden haben.

In der glänzenden neuen Filiale von Metro München arbeiten Sie ja für die Kassenaufsicht, wo ich nach mehrere Stunden langer Suche nach Weihnachtsgeschenken für Neffen und Nichten, sowie mit einem großen Haufen kleiner Mitbringsel für meine Japan-Reise ziemlich erschöpft landete.

Es war wohl nicht meine Wahl, dass das zweier-Set der DVD „Lassie und ihre Freunde“ versehentlich zweimal gescannt war. Ich bemerkte die falsche Zahl auf meiner Rechnung erst nachdem ich die Ausgangstür passiert hatte. Wie Sie wissen, Ausgangstüren sind in Deutschland in der Regel strikt für das Rausgehen vorgesehen. Trotz meinem Bitten und Flehen blieb sie kalt geschlossen wie einst die Berliner Mauer, die in diesem Fall die ein paar Schritt entfernt liegende Kasse von der hilflosen Japanerin mit ihrem vollen Einkaufswagen trennte.

Mit einem Seufzer drehte ich um und ginge zum Eingang des Riesengroßhandels zurück. Begeistert hat mich der 200- Meter Lauf mit dem vollen Einkaufswagen nicht besonders. Beim Eingang wurde mir gesagt, von dort aus durch das Gelände wieder zur Kasse zu gehen. Also nochmals musste ich mit dem vollen Einkaufswagen 200 Meter zurücklegen –  ins prächtige Weihnachtsdekor hinein. All das wegen des verdammten doppel-gescannten Zeichentrickfilms über den braven Hund „Lassie und ihre Freunde“!

Frau Wittelbacher, so sind wir uns begegnet.  

Ihre professionell aussehende dunkelfarbige Bekleidung machte mir viel Mut. Ich dachte, ich sah endlich das Ende der langen ermüdenden Einkäufe. Ich wollte nur eines: Eine Rückerstattung der einen „Lassie“-DVD und zurück nach Hause. Aber nein, der Fall nahm einen neuen Wendepunkt.

Ihr großzügiger Raum mit dem Schild „Kassenaufsicht“ befand sich ganz am Anfang der Reihe unzähliger Kassenflüsse, gleich neben der elitären Kasse für Gold-Card-Kunden. Frau Wittelbacher, Sie standen in diesem mächtigen Schloss und sagten mir in einem unsanften Ton: „Warum stehen Sie aber auf der Innenseite? Sie müssen eigentlich auf der Außenseite der Kasse stehen, wenn Sie schon gezahlt haben.“   

Klar, habe ich Ihnen dann erklärt, dass ich den Fehler erst dann bemerkte, nachdem ich schon durch die Ausgangstüren durchgegangen war. Ist es klar, oder? „Nein! Sie hätten aber wieder sofort reinkommen müssen!“

Aber wie? Die Ausgangstür war ja von außen nicht mehr zu öffnen! Denn sie ist die Ausgangstür! „Da gehen die Leute dauernd raus. Sie hätten nur kurz warten müssen, und bei der nächsten Gelegenheit wieder rein kommen müssen. Das geht gar nicht, dass Sie wieder vom Eingang reingegangen sind! Sie haben schon alles bezahlt. Und Sie hätten ja auf dem Weg hierhin Sachen in Ihren Einkaufswagen gesteckt haben können. Das ist das Problem. Haben Sie das verstanden!?“

Ich war noch, gerade noch, geduldig, Frau Wittelbacher. Tief atmete ich. Das sollte mir die Ruhe meiner frühmorgigen Meditation zurückgeben. „Aber der Kassenfehler war nicht mein Fehler. Die Tür war schon zu, und niemand kam sofort dadurch. Und ich bin extra wieder zum Eingang gegangen, um die Sache zu klären, machte den extra Weg zurück, um wieder hierher zu kommen. Ich bin Ihr Kunde. Ich möchte von Ihnen jetzt keinen Vorwurf hören.“ Während ich so sprach und in Ihren blauen Augen zuschaute, dachte ich innerlich: Jetzt geht’s los. Denn ich habe gesehen, dass Ihre Augen mit voller Überzeugung glänzten.    

„Der Kunde muss aber auch lernen! Auch bei Aldi oder egal welchen Supermärkten können Sie nicht nach dem Zahlen wider mit Ihrem Wagen vom Eingang reingehen. So einfach ist es. Jetzt, haben Sie das verstanden?“  

Ich habe Sie verstanden, Frau Wittelbacher. Aber Sie haben mich nicht verstanden. Oder wir haben uns nicht verstanden. Meiner Meinung nach geht es wirklich nicht darum, ob Sie mir „Ihre“ Regel beibringen, so dass ich neue Kenntnisse gewinnen und besserer Kunde werde. Es geht um die Art und Weise, wie Sie mit mir, dem Kunden, umgehen, gerade wenn der Kunde sich extra bemühen musste, um den Fehler ihrerseits zu klären. So etwas habe ich versucht, Ihnen mitzuteilen. Ihre Antwort: „Sie haben aber nicht verstanden! Deshalb musste ich es Ihnen so erklären!“

Glauben Sie mir, Frau Wittelbacher. Ich bin ein friedlicher Mensch, auch wenn Sie mir nicht mehr glauben mögen. Zu müde und lustlos weiterzukämpfen, zog ich die Notbremse: „Ich kenne Ihre Personalchefin (was zumindest halbwegs der Wahrheit entspricht), und setze mich mit ihr umgehend über Ihre Umgangsweise mit Kunden in Verbindung“.

Darf ich Sie eiserne Lady nennen, Frau Wittelbacher? Sie ließen sich gar nicht von meiner Warnung berühren. Sie antwortete mir tapfer: „Tun Sie das! Ich notiere auch Ihre Kundennummer und berichte meiner Chefin über Sie!“

So endete unsere Begegnung, die vermutlich (und hoffentlich) einmalig war.

Ach ja, 6 Euro 81 Cents für „Lassi und ihre Freunde“ haben Sie mir zurückerstattet. Vielen Dank dafür!

                                                               Mit freundlichen Grüßen,

                                                               Kiriko Nishiyama

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