Frau K, 50 Jahre alt, arbeitet bei einer Versicherungsfirma in Sendai, wo sie am 11.3.2011 das Beben mit der Stärke 9.0 erlebte. Frau K ist eine Gewerkschaftlerin, die sich für Rechtschutz für Frauen an Arbeitsplatz, besonders für die Rechte von Teilzeitarbeitnehmerinnen einsetzt. Kurz nach dem Beben vermittelte Frau K ihre Eindrücke aus Sendai der Gewerkschaft „Action Center for Working Women“ die ihre Beiträge im Web veröffentlichte. Ein Teil dieser Beiträge erreichte mich durch einen E-Mail-Server für die japanische Gemeinde in München. Mit der Erlaubnis von Frau K aus Sendai veröffentliche ich hier ihre ins Deutsche übersetzten Tagesberichte aus Sendai.
Sendai, den 22. März 2011
Am Nachmittag erschien eine Teilzeit-Kollegin, die seit dem Beben nicht anwesend war. Als das Beben zuschlug, versteckte sie sich unter den Tisch gleich neben mir. Nach dem Beben informierte uns ihre Vermittlungsfirma lediglich, dass die Zeitarbeiterin nun für unbestimmte Zeit nicht zur Arbeit erscheinen kann. Nach 10 Tagen ihrer Abwesenheit war ich sehr besorgt über die Kollegin, die immer Absatzschuhe trug und sich hübsch kleidete. Sie hatte heute Turnschuhe an, voller Schmutz und zerrissen zum Teil. Nachdem sie über den Tsunami erfuhr, rennte sie direkt zunächst zu ihrem Elternhaus, das bis zum ersten Stock vom Wasser bedeckt wurde, und danach zum Haus eines Verwandten, das der Tsunami wohl mitriss. Ihre Suche nach dem Haus zermürbte zwei Paare Schuhen. Unzählbare Leichen waren unter Trümmern und im Wasser zu sehen. „Dort herrschte eine andere Welt. Mein Herz brach fast zusammen,“ flüsterte sie. Selbst in der am härtesten betroffenen Provinz Miyagi liegen Welten zwischen denjenigen, die das Küsten-Gebiet betreten haben, und denjenigen, die das nicht gesehen haben, dachte ich.
Als ich ein Tax nahm, um mein Gepäck zu transportieren, fragte mich der Fahrer: „Haben Sie schon genug Wasser?“ „Ja, endlich,“ antwortete ich, und fragte nach, ob er auch an Wasser kommt. „Ja, Wasser habe ich reichlich“ sagte er. Ich dachte, er wohnt nah an den Bergen, wo einige Dörfer ohne Strom, Wasser und Gas auf Quellenwasser angewiesen sind. Dann setzte er fort als ob er eine Kleinigkeit erwähnen würde: „ Dunkles Wasser kam und nahm mein Haus, meine Mutter und alles andere mit sich.“ Es lief mir kalt den Rücken herunter. Seine komplette Gemeinde war ins Meer gespült worden. Alle suchten nach den Häusern, aber nichts blieb übrig, sagte er. Der Fahrer gab die Suche auf, zog sich in der Notunterkunft seiner Firma zurück, und fing mit seiner Arbeit wieder an. Die Realität hier heißt: Ein zerstörtes Haus wieder aufbauen zu können ist ein Glücksfall. Wenn nicht einmal eine einzige Stütze steht, ist von einem Wiederaufbau überhaupt nicht mehr zu träumen.
Unser Versicherungsmakler in Fukushima erzählte, er wurde um sechs Uhr morgens mit dem Ruf „Evakuation!“ aufgeweckt. Als er schläfrig über seinem Schlafanzug eine Jacke anzog und aus dem Haus trat, wurde er direkt danach außerhalb der Provinz gebracht. Er teilte unserer Firma mit, er wisse nicht, wann er überhaupt wieder nach Hause zurückkehren kann.
Die Stadt Sendai fängt an zu rollen.
Aber was in der Zukunft auf uns wartet – darüber weiß noch keiner.
